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Biathlon-WM: Warum der Deutschen liebste Wintersportler schwächeln

Biathlon war eine deutsche Paradedisziplin. In diesem Winter ist das anders, vor allem die Frauen tun sich nach der Ära Laura Dahlmeier schwer. Wie realistisch sind also die Medaillen-Ambitionen des Bundestrainers?

Das Antholzer Tal bietet eine der schönsten Winterkulissen, die man sich vorstellen kann. Ringsum die Berge und Gletscher der Ostalpen, unten, auf 1600 Metern Höhe, die kleine Südtiroler Gemeinde, wo Winter noch Winter ist, und die Schneemassen in der Sonne blenden.

Doch Mark Kirchner hat für das Postkartenpanorama in diesem Jahr keinen Sinn. Der Biathlon-Bundestrainer muss sich rechtfertigen und erklären. Nur verhalten sind in diesem Jahr die Aussichten für sein deutsches Team bei den Weltmeisterschaften. Jahre, ja Jahrzehnte schien Erfolg garantiert, wann immer die Deutschen in ihrer liebsten Wintersportdisziplin starteten. In dieser Saison war das anders - und nun beginnen am Nachmittag die Wettbewerbe.

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Die anderen haben Deutschland abgehängt, scheint es. Kirchner mag das nicht hören. Er hat es oft hören müssen diesen Winter. Nur sechs Mal reichte es in den Einzeldisziplinen fürs Podium - bei Männern und Frauen zusammen. "Wir zählen noch immer zu den Spitzennationen", sagt Kirchner im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Auch wenn Norwegen und Frankreich mit Abstand dominieren, wollen wir doch eingreifen." Fünf, sechs Medaillen hat er sich vorgenommen. Als Vorgabe will er es aber nicht verstehen. Nicht zusätzlich Druck machen. "In den Einzelkonkurrenzen wird es sehr schwer. Im Team sind die Chancen besser."

Biathlon-WM: Bø und Fourcade werden schwer zu schlagen sein

Die Hoffnungen liegen fast allein auf den Männern. "Wir hatten drei verschiedene auf dem Podium, das ist sehr ordentlich", sagt Kirchner. An einem guten Tag könne es für Benedikt Doll, Arnd Peiffer oder Johannes Kühn auch im Einzel für Edelmetall reichen. "Bei der Phalanx von Norwegen und Frankreich wird das aber schwer."

Längst sind es nicht mehr nur Johannes Bø und Martin Fourcade, die vorneweg laufen. Die beiden Nationen stellen bei den Männern allein acht Athleten in den Top Ten der Weltcup-Gesamtwertung. Sie scheinen weit enteilt. Kirchner erklärt: "An Bø und Fourcade orientieren sich die anderen. Sie treiben sich gegenseitig nach vorn." Mit der Intensität im Training kommen die Ergebnisse im Wettkampf. Den Deutschen gelang das zuletzt nur noch selten.

Hatten die Trainer in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Topläufern zur Auswahl, war es diesmal schwer, das Feld vollzubekommen. Von elf deutschen Startern erfüllten drei nicht einmal die WM-Norm. Langjährige Leistungsträger wie Simon Schempp und Franziska Hildebrand blieben ganz zu Hause.

Vor allem die Frauen bereiten Kummer. Doch Kirchner formuliert unbeirrt optimistisch: "Im Damenbereich haben wir eine absolute Leistungsträgerin. Auch im Anschlussbereich sind die Top Ten möglich."

Diesmal schauen alle auf Denise Herrmann

Die Leistungsträgerin heißt Denise Herrmann. Die 31-Jährige hat in diesem Winter immerhin zwei Podestplätze erzielt. Sie ist auch am Schießstand konstanter geworden, wobei ihr die windanfällige Anlage in Antholz Probleme bereiten könnte. Auf der anspruchsvollen WM-Loipe wird die ehemalige Langlaufspezialistin allerdings von ihrer Erfahrung zehren. Ob sie mit dem Druck zurechtkommt, wenn jetzt alles auf sie schaut, muss sich noch zeigen. Als sie vergangenes Jahr in Östersund überraschend die Verfolgung gewann, hatte das niemand erwartet. Damals schaute alles nur auf Laura Dahlmeier.

Deutschland hat bei den Frauen über Generationen von Ausnahmetalenten profitiert. Entsprechend stark wird nun deren Vakanz wahrgenommen. Im Schatten scheint sich niemand so recht entwickelt zu haben.

Kristian Mehringer, der nach den eigentlich erfolgreichen Winterspielen von Pyeongchang auf Gerald Hönig folgte, hat als Frauentrainer derzeit keine leichte Aufgabe. Auch die Konzepte des neuen sportlichen Leiters Bernd Eisenbichler, seit April 2019 im Amt, werden wohl erst mittelfristig greifen. Bis dahin muss das Team mit dem vorliebnehmen, was es hat.

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Vorbereitet haben sie sich noch einmal in Ridnaun. Sind "auf Wintersuche" gegangen, wie Kirchner sagt. "Daheim sah das ja eher mau aus." Ridnaun ist ähnlich hoch gelegen wie Antholz. Mit ein paar Tagen Gewöhnung sollten die 1630 Meter Seehöhe im Antholzer Stadion laut Kirchner deshalb kein Problem sein. "Der Organismus muss hier investieren, mehr und intensiver schnaufen", sagt der Bundestrainer. Vor allem am Schießstand kommt das zur Geltung. Der Rhythmus wird langsamer. Das müsse man beachten, sagt er, wenn man keine Fehlerserie produzieren will. Und bei den Medaillen mitreden.

Die erste Gelegenheit bietet sich gleich heute. In der Mixed-Staffel (14.45 Uhr Liveticker SPIEGEL.de; TV: ZDF) starten Arnd Peiffer, Benedikt Doll, Franziska Preuß und Denise Herrmann. Eine Medaille in der Besetzung scheint machbar - und wäre Kirchner wichtig "für den Flow". Man will gut in die Weltmeisterschaft reinkommen, dann werden die Resultate schon laufen, glaubt er. "Vielleicht haben wir es uns einfach aufgehoben."

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