Hanau-Attentat-Überlebender Hashemi: "Das sind Narben, die auch ...
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Vier Jahre sind seit dem rassistischen Anschlag von Hanau vergangen. Said Etris Hashemi hat am 19. Februar 2020 schwer verletzt überlebt. In seinem Buch "Der Tag, an dem ich sterben sollte" berichtet der 27-Jährige über das traumatische Erlebnis.
Von Heiko Schneider
Video 03:54 Min. | 17.02.24, 19:30 Uhr |hessenschau
Hanau-Überlebender: "Die Narben erzählen eine Geschichte"
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Said Etris Hashemi hat die Augen geschlossen. Er ist oberkörperfrei und hebt seinen Kopf leicht nach oben. So sind sie gut zu erkennen: seine Narben. Er trägt sie an der rechten Schulter, am Hals, im Mund. "Es gibt noch einige Narben, die man nicht sieht", erklärt Hashemi. "Aber ich spüre sie."
Zumindest seine sichtbaren Narben zeigt der 27-Jährige auf dem Cover seines Buchs. "Dieses Bild beschreibt einfach alles, was passiert ist", meint er. "Der Tag, an dem ich sterben sollte", heißt sein Buch. Auch das beschreibt Hashemis Erlebnisse gut.
Hashemi wurde angeschossen
Am 19. Februar 2020 hatte ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun junge Menschen aus rassistischen Motiven erschossen. Anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst. Die Opfer: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov.
Gedenkveranstaltung zum Jahrestag
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Mit einem stillen Gedenken haben das Land Hessen und die Stadt Hanau an diesem Montag an die Opfer des Anschlags vor vier Jahren erinnert. Bei der offiziellen Veranstaltung auf dem Hauptfriedhof wurde nach Angaben der Stadt "auf ausdrücklichen Wunsch der Opferangehörigen" auf politische Reden verzichtet. Neben dem Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky nahmen auch der stellvertretende hessische Ministerpräsident Kaweh Mansoori und Bundesinnenministerin Nancy Faeser (alle SPD) teil und legten Kränze nieder.
Auf dem Friedhof im nahen Dietzenbach (Offenbach) findet am Nachmittag eine weitere Gedenkveranstaltung statt. Am Montagabend sind an den beiden Tatorten am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt und im Stadtteil Kesselstadt Mahnwachen geplant. Am Samstag hatten mehrere tausend Menschen bei einer Gedenkdemonstration an die Opfer erinnert und zum Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus aufgerufen.
Ende der weiteren InformationenSaid Etris Hashemi wurde beim Anschlag angeschossen. Seine Narben stammen von der Einschusswunde oder vom Luftröhrenschnitt. 17 Stunden lang steckte eine Pistolenkugel in Hashemis Mund. Er überlebte schwer verletzt. Sein Bruder Said Nesar und gemeinsame Freunde starben.
Hashemi engagiert sich politisch
Der Anschlag von Hanau hat sein Leben für immer verändert, erklärt Said Etris Hashemi. In den ersten Monaten nach dem Anschlag versuchte er, abzutauchen, mied die Öffentlichkeit, wollte nicht erkannt werden.
Als Hinterbliebene wie Hashemi gut ein Jahr nach dem Anschlag immer noch viele offene Fragen rund um den Anschlag sahen, entschied er sich um. "Ich hatte das Gefühl, dass die Aufklärung nicht so läuft, wie wir uns das erhofft hatten", erinnert er sich.
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Rassistische Tat vor vier Jahren Trauer, Wut, Hoffnung: Tausende erinnern an Anschlag in Hanau
Vier Jahre nach dem rassistisch motivierten Attentat von Hanau haben mehrere tausend Menschen der Opfer gedacht. Sie setzten auch ein Zeichen gegen Rassismus – und prangerten erneut behördliche Fehler an.
Zum ArtikelSeitdem bringt er sich ein. Zunächst ging es den Hinterbliebenen um einen Untersuchungsausschuss im Hessischen Landtag, mittlerweile engagiert sich Hashemi auch politisch, setzt sich zum Beispiel für eine Reform des Opferentschädigungsgesetzes ein. "Da bekommst du das geballte Monstrum deutscher Bürokratie zu spüren", sagt er.
Opfer stehen vor Existenzproblemen
Für trauernde und traumatisierte Hinterbliebene sei das zu kompliziert und belastend. Dabei sei es doch so wichtig, findet Hashemi: Viele Opfer extremistischer Gewalttaten stünden vor Existenzproblemen.
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Said Etris Hashemi ist deshalb regelmäßig in Berlin, tauscht sich mit Politikerinnen und Politikern aus, wirbt für seine Ansichten. "Das braucht einen langen Atem." All diese Erfahrungen hat er zu Papier gebracht, Anfang des Monats ist sein Buch erschienen. Seitdem geht er auf Lesungen und gibt zahlreiche Interviews – gerade jetzt, wo die Aufmerksamkeit rund um den Jahrestag des Anschlags ohnehin groß ist.
Podcast 52:13 Min. | 16.02.24 |Nicole Abraham
Interview mit Said Etris Hashemi in hr2 Doppelkopf[mehr auf hr2.de ]
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Anstrengend sei es, das Erlebte immer und immer wieder zu erzählen und zu durchleben. "Das sind die Herausforderungen, mit denen ich jetzt eben leben muss", sagt Hashemi. Genau, wie mit den Narben. "Diese Narben erzählen eine Geschichte – und das ist meine. Ich habe aber auch gemerkt: Die Narben, die ich trage, sind Narben, die auch die Gesellschaft trägt."
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Thema Anschlag in Hanau
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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 17.02.2024, 19.30 Uhr
Redaktion: Susanne Mayer
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