Aufregerthemen Schliessen

Analyse | 1:2-Niederlage gegen Schlusslicht Fürth: Hertha ist abstiegsreif

Hertha BSC bleibt auch das fünfte Spiel im neuen Kalenderjahr sieglos. Beim Tabellen-Schlusslicht aus Fürth blamieren sich die Berliner auf ganzer Linie, die verdiente 1:2-Niederlage macht die ganz großen Fragen beim Hauptstadtklub auf. Von Marc Schwit
Niederlage bei Schlusslicht Fürth - Hertha ist abstiegsreif

Sa 12.02.22 | 21:52 Uhr | Von Marc Schwitzky

Der Herthaner Maximilian Mittelstädt liegt nach dem 2:1 in Fürth enttäuscht am Boden. (Quelle: dpa/Daniel Löb)

dpa/Daniel Löb

Audio: Inforadio | 12.02.2022 | Jakob Rüger | Bild: dpa/Daniel Löb

Hertha BSC bleibt auch das fünfte Spiel im neuen Kalenderjahr sieglos. Beim Tabellen-Schlusslicht aus Fürth blamieren sich die Berliner auf ganzer Linie, die verdiente 1:2-Niederlage macht die ganz großen Fragen beim Hauptstadtklub auf. Von Marc Schwitzky

Es sind leere Gesichter, in die man am Samstag nach dem Abpfiff blickt. Mit Maximilian Mittelstädt und Vladimir Darida stellen sich zumindest zwei Spieler von Hertha BSC den Fragen des Feldreporters - die soeben erlittene 1:2-Niederlage beim abgeschlagenen Tabellen-Schlusslicht SpVgg Greuther Fürth können die Berliner jedoch nicht erklären, sie sind sichtlich ratlos. "Wir müssen eine tiefe Analyse machen", "Wir haben die erste Halbzeit verschlafen", "bitter" und andere Plattitüden fallen nach einem verkorksten Bundesliga-Spiel.

Nun könnte argumentiert werden, dass die Spieler kurz nach dem Abpfiff mit 90 Minuten in den Beinen und dem Kopf auch keine detaillierte Analyse vorlegen können müssen. Das ist vollkommen richtig. Die Krux für Hertha BSC: Abstand, Perspektivenwechsel - all das führt auch nicht mehr zu einem Erkenntnisgewinn. Zu zahlreich und alt sind die Probleme des Vereins.

Eine Analyse sollte im Normalfall Antworten liefern, doch je länger man sich mit Herthas Niederlage in Fürth auseinandersetzt, desto mehr Fragen ergeben sich.

Hertha verschenkt einmal mehr eine komplette Halbzeit

Da wäre an erste Stelle: Wie kann es sein, dass die Blau-Weißen einmal mehr eine Anfangsphase, ja vielleicht sogar eine vollständige erste Halbzeit, nicht voll annehmen? Bereits in der Hinrunde ist es oftmals so, dass Herthas Gegner von Beginn an wacher und gieriger wirken - in der Rückrunde hat sich dieses Problem noch verstärkt: In fünf der bislang sechs Pflichtspiele des neuen Kalenderjahres werden die Berliner im ersten Durchgang überrumpelt. Einzig am letzten Spieltag gegen den VfL Bochum nimmt Hertha von Anfang an das Heft in die Hand.

Am Samstagnachmittag erreicht Herthas Anfangsphasen-Problem neue Höhen. Nach nur 25 Sekunden erzielt Fürths Kapitän Branimir Hrgota das 1:0 für die Hausherren. Ein Pressschlag, der auf der anderen Seite des Feldes beim Torschützen landet, genügt, um Herthas gesamte Defensive auszuhebeln. Viel zu ballorientiert vergessen die Berliner, in der letzten Kette die Höhe zu halten, so dass Hrgota ungestört treffen kann. Hier stößt die Analyse zum ersten Mal an ihre Grenzen, denn diese Tiefschlaf-Phasen Herthas sind schlicht nicht zu erklären.

Ein Aufbäumen ohne Struktur

In der Folge von Hrgotas Treffer scheint sich die "Alte Dame" einigermaßen zu fangen. 15 Minuten lang versuchen die Hauptstädter, ihren Fußball aufs Gleis zu bekommen. Hohes Anlaufen, frühe Ballgewinne und gefälliges Kombinationsspiel bis zum gegnerischen Strafraum - Eigenschaften, die Hertha schon in der ersten Halbzeit gegen Bochum stark gemacht haben -, werden auch in Fürth allmählich sichtbar. Aber auch eines der größten Defizite der Mannschaft: die mangelnde Entscheidungsfindung und Konsequenz im letzten Drittel. Ungenaue Flanken und Schüsse wie fehlende Übersicht machen viele Angriffe zunichte. So bleibt das Berliner Angriffsspiel oftmals nur Stückwerk. Auch hier stellt sich eine Frage: Wie ist es möglich, dass Herthas Abläufe nach all der gemeinsamen Zeit nach wie vor nicht ineinandergreifen? Wieso verbessern sich Dinge nicht? Trainingsinhalte sind bei Hertha meist gar nicht oder nur sehr zart zu erkennen.

Die erste positive Reaktion auf den frühen Gegentreffer ebbt nach 20 Minuten wirkungslos ab und allgemeine Verunsicherung nimmt ihren Platz ein. Haarsträubende Fehlpässe, Ballverluste und Missverständnisse häufen sich besorgniserregend. Vor allem die fehlende Überzeugung im Pressing wird zum Problem, da Hertha nicht geschlossen anläuft und sich dadurch selber große Lücken reißt. Selbst für einen Gegner wie den Tabellenletzten ist es somit ein Einfaches, sich mit einem langen Ball zu lösen und dank des Platzes Gefahr zu erzeugen. Zwar präsentieren sich die Berliner im zweiten Durchgang verbessert, großer Druck bleibt dennoch aus. Das 0:2 von Hrgota nach Handelfmeter (71. Minute) entscheidet die Partie, der Anschlusstreffer von Eigengewächs Linus Gechter (82.) bleibt eine Randnotiz.

Der Trainereffekt ist verpufft – Korkut und Bobic unter Druck

So verliert Hertha absolut verdient, und das bei Fürth, das vor dem Spiel zehn Punkte in 21 Spielen gesammelt und noch auf den ersten Bundesliga-Heimsieg der Vereinsgeschichte gewartet hatte. Aus einem Pflichtsieg ist eine erschreckende Niederlage geworden, die als überaus klares Signal gedeutet werden muss: dass Hertha im dritten Jahr in Folge knietief im Abstiegskampf steckt. Aus den beiden Sechs-Punkte-Spielen gegen die Aufsteiger aus Bochum und Fürth ist nur ein Punkt entsprungen, in den fünf Ligapartien im Jahr 2022 spielt Hertha eine einzige gute Halbzeit und verbucht niederschmetternde zwei Zähler. Die Alte Dame ist zurück in der Abwärtsspirale. Nach 22 Spieltagen liegen nur 23 Punkte auf dem Konto, ein Zähler trennt vom Relegationsrang.

Mehrere Fragen bei Hertha werden in den kommenden Tagen größere Dimensionen annehmen. Die wohl Wichtigste wird sein: Hat sich der Trainerwechsel von Fredi Bobic, der Pal Dardai nach 13 Spieltagen mit Tayfun Korkut ersetzt hat, ausgezahlt? Blickt man allein auf die Punkteausbeute der beiden Trainer, lautet die Antwort klar: Nein. Dardai verbuchte einen Punkteschnitt von 1,1 pro Partie, Korkut liegt nach zehn Spielen bei lediglich 0,9.

War anfangs zumindest noch spielerische Entwicklung zu erkennen, ist dieses zarte Pflänzchen nun wieder vollends verwelkt. Nahezu konträr zu Korkuts Aussage, sich in seinem fußballerischen Ansatz an den vorhandenen Spielern zu orientieren, steht dessen 4-2-2-2-System. In nun schon mehreren Partien ist deutlich geworden, dass dem Trainer vor allem die geeigneten Außenspieler, offensiv wie defensiv, für diese Formation fehlen. Warum Korkut darauf nicht reagiert, ist eine weitere Frage. Die Spieler und das Umfeld scheinen am Ende ihres Lateins – geht es den Verantwortlichen anders?

Beitrag von Marc Schwitzky

Ähnliche Shots