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Markus Lanz: Luisa Neubauer fordert mehr Tempo und Ehrlichkeit im Klimaschutz

Die Fluten, die Opfer, die Schäden - Wie ehrlich muss Klimapoltik im Sommer 2021 sein? Wie schauen zwei 25-Jährige vor dem Hintergrund der Flutkatastrohpe in die Welt von morgen? Bei Markus Lanz traf sich am Abend eine ungewöhnliche Runde.
22. Juli 2021 um 05:20 Uhr Luisa Neubauer bei Markus Lanz : „Lasst uns nicht darauf warten, bis dieser Laden in die Pötte kommt“
 Markus Lanz diskutiert im ZDF mit seinen Gästen über die Flutkatastrophe und den Klimaschutz
Markus Lanz diskutiert im ZDF mit seinen Gästen über die Flutkatastrophe und den Klimaschutz Foto: Screeenshot ZDF/Screenshot ZDF

Düsseldorf Die Fluten, die Opfer, die Schäden - Wie ehrlich muss Klimapoltik im Sommer 2021 sein? Wie schauen zwei 25-Jährige vor dem Hintergrund der Flutkatastrohpe in die Welt von morgen? Bei Markus Lanz traf sich am Abend eine ungewöhnliche Runde.

Von Julica Jungehülsing

Darum ging es

Markus Lanz’ Gästeliste hatte Seltenheitswert: Vier Frauen lud er ins ZDF-Studio nach Hamburg ein, aus Hagen schaltete er kurz den Bürgermeister dazu. Ebenfalls ungewöhnlich: Die beiden jüngsten - zwei 25-Jährige - in der Runde haben die längste Redezeit, mit gutem Grund: es ging um den Klimaschutz und ihre Zukunft.

Die Gäste

  • Luisa Neubauer, Klimaschutzaktivistin, Geographiestudentin
  • Wiebke Winter, Mitglied im CDU Bundesvorstand
  • Monika Schnitzer, Ökonomin
  • Erik O.Schulz, Oberbürgermeister der Stadt Hagen
  • Claudia Pahl-Wostl, Systemwissenschaftlerin

Der Talkverlauf

Wer nach den Überschwemmungen noch den Klimawandel leugne, müsse sich “fragen lassen, ob man ihn noch ernst nehmen könne” steigt Erik O. Schulz ins Thema ein. Jetzt sei allerdings “nicht so viel Platz für politische Diskussionen”, derzeit müsse er sich eher darüm kümmern, die Infrasturkutwieder aufzubauen und gegen Müll, Lehm, Geröll und Schutt zu kämpfen. “So etwas habe ich in meinem Leben noch nie gesehen”, sagt der Hagener Bürgermeister. Im übrigen habe seine mit 1 Milliarde Euro verschuldete Gemeinde trotz ihrer finanziell wenig rosigen Situation die Klimaanpassung bereits eingeleitet, stecke 3 Millionen Euro in den öffentlichen Nahverkehr und versuche, eine Mobilitätswende einzuleiten. “Die Stadt Hagen macht schon lange Klimapolitik”, sagt er, sie habe politische Konsequenzen gezogen und nach Diskussionen mit der “Fridays for Future”-Bewegung den Klimatnotstand ausgerufen.

Luisa Neubauer, Deutschlands bekanntestes Gesicht von “Fridays for Future” vermisst nicht guten Wille oder wohltönende Ansagen, ihr fehlt vor allem die Umsetzung echter Klimaschutzpolitik: Vieles was passiert sei, hätte man ein Stück weit voraussagen können. “In Deutschland macht es traurig, dass das alles nicht nur ein großes Unglück und ein dummer Zufall ist, sondern dass es auch die Konsequenz von einer politischen Weigerung ist, die Wissenschaftl ernst zu nehmen”, sagt die Klimaaktivistin.

Was Klimaanpassung eigentlich bedeute will Lanz wissen und bekommt von Claudia Pahl-Wostl klare Ansagen. Auch sie habe die Dimension der Katastrophe zunächst sprachlos gemacht, dass Brücken zerstört und Häuser wegschwimmen würden, hätte sie nicht erwartet. Aber jetzt müsse überlegt werden, ob wirklich alle Standorte wieder bebaut werden können oder sollen. “Extremregen-Ereignisse können wir wahrscheinlich nicht verhindern, aber wir können sehr viel tun um die Auswirkungen zu reduzieren”, sagt die Systemwissenschaftlerin. “Schwammstädte” die weniger stark versiegelt seien, könnten beispeilsweise dazu beitragen, besser mit Wasser umzugehen.

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Neubauer erinnert daran, dass vieles keine neuen Erkenntnisse seien: “Je wärmer es wird, desto mehr Feuchtigkeit kann die Luft halten, und dadurch müssen wir mit mehr Starkregenereignissen rechnen”, sagt sie. Die Forschung berechne klar, wieviel wahrscheinlicher derartige Ereignisse durch die Klimakrise werden, nur müsse man diese Einsicht eben auch umetztn. Für sie ist das “nicht nur ökologisch katastrophal, sondern auch eine politische Katastrophe.” Einserseits sei nicht genug gewarnt worden und sei die Infrastruktur nicht fit für die Klimakrise, vor allem aber kritisiert sie die Regierung, denn die sei “langfristig ein Teil vom Projekt Klimakrise” und tue nicht genug um die Situation abzuschwächen. “Ich finde es wahnsinnig zynisch und verlogen zu sagen: Wir tun alles, damit es den Leuten besser geht und helfen, aber wirken dann am Schreibtisch im Berliner Regierungsviertel daraufhin, dass wir mehr von diesen Katastrophen erfahren müssen.”

Wiebke Winter, jüngstes Mitglied im CDU-Bundesvorstand, sieht das anders und ihre Partei auf einem guten Weg. Wichtig sei vor allem, die Menschen mitzunehmen auf dem Weg zu klimaneutralen Zielen, eine gesellschaftliche Spaltung zu vermeiden und sich besser auf Katastrophen einzustellen. “Ich wünsche mir auch eine ehrgeizigere Klimapolitik für Deutschland, deshalb kandidiere ich für den Bundestag”, sagt die Mit-Gründerin der CDU-KlimaUnion und räumt ein: “Ich hätte mir auch gewünscht, dass in den letzten 30 Jahren mehr passiert wäre”. Aber jetzt setze sie sich dafür ein, dass Deutschland 2040 klimaneutral sei. “Ich bin überzeugt, dass Armin Laschet in den nächsten vier  Jahren vernünftige Klimapolitk machen wird, und ich werde das auch immer wieder einfordern”, sagt die Kandidatin aus Bremen.

Neubauer findet, es sei keine Zeit mehr zu verlieren: “Mir wird seit zwei Jahren straight aus der Politik gesagt: Vorsicht beim Klimaschutz, wir dürfen nicht den Wohlstand der Menschen einschränken.” Doch in den Überflutungsgebieten habe man jetzt gesehen, wie binnen Stunden zerstört wurde, was Menschen an Wohlstand über Jahrzehnte aufgebaut haben. Zugleich lege mitten in einem Katastrophenjahr die CDU ein Wahlprogramm vor, das keine der Forderungen der KlimaUnion übernommen habe. “Das ist kein Plan, um uns vor Klimakatastrophen zu schützen oder die 1,5 Grad einzuhalten. “An die Bundesrepublik kann man nur appellieren: lasst uns nicht darauf warten bis dieser Laden in die Pötte kommt, denn dann sind wir bei 3 oder 4 Grad angekommen”, ruft sie. “Wir haben wirklich keine Zeit, auf Parteien zu warten die sich seit 30 Jahren nicht so richtig entscheiden können, ob sie in der Klimakatastrophe richtig loslegen können oder nicht.”

Außerdem sei es höchste Zeit, das man sich darauf verlassen könne, dass die Wissenschaft ernst genommen werde. “Die Kernkompetenz jeder Regierung sollte sein: dass ich mich drauf verlassen kann, dass die Regierung in Bund oder Land auf die Warnungen der Wissenschaftler hört.” Ökonomin Monika Schnitzer erinnert daran, dass es Menschen seien, die Regierungen wählten, es dementschrechend wichtig sei diese Menschen bei Entscheidungen auch mitzunehmen und Vorsorge dafür zu treffen, “dass man nicht so hart getroffen wird”. Vieles wisse man zwar schon lange, “aber es ist in den Köpfen der Leute nicht so drin.” Das werde sich nun ändern. “Aber das muss erst mal bei den Menschen ankommen, damit ich dann auch tatsächlich die großen Ressourcen einsetzen kann, die es braucht”, findet Schnitzer.  

Darüber, dass der Weg zu einer sozial vertretbaren und zugleich klimaneutralen Politik nicht einfach ist, sind sich alle in der Runde klar. Pahl-Wostl spricht von einer notwendigen “sozial-ökonomischen Transformation”, die sie allerdings in vielen Wahlprogrammen nicht entdecken könne. Nur bei den Grünen werde auch vorgeschlagen, was sich systemisch verändern müsse. “Der Innovationsrhythmus muss viel breiter gefasst werden, wir brauchen Experimentierfelder, in denen sich die Gesellschaft neu erfindet, nicht nur in neuen Energien”, sagt sie und kritisiert, dass andere Herangehensweisen immer sofort mit einem sinkenden Lebensstandard gleichgesetzt werden: “Oft lebt man einfach nur anders.” 


Angesichts der Tatsache, dass Deutschland die Stromproduktion durch erneuerbare Energien um ein sechsfaches steigern müsste, setzt Nordlicht Winter auf Offshore-Windenergie und spricht von einer “enormen Kraftanstrengung”. Neubauer wünscht sich vor allem mehr Ehrlichkeit: “Wir müssen offen ansprechen, was auf uns zu kommt, was für ein krasser Aufwand das ist, aber auch was die Alternative ist”, fordert sie: Denn die Kimakrise ist das teuerste und unbequemste von allem.“

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