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Der größte Borusse aller Zeiten: Michael Zorc machte aus Träumen Geschichte

In der Bundesliga endet eine Epoche. Nach 44 Jahren verlässt Michael Zorc Borussia Dortmund. Der 59-Jährige ist Bundesliga-Rekordspieler des Vereins, schenkt dem BVB Trophäen als Spieler und Sportmanager, entdeckt Weltstars wie Jürgen Klopp und Robert

In der Bundesliga endet eine Epoche. Nach 44 Jahren verlässt Michael Zorc Borussia Dortmund. Der 59-Jährige ist Bundesliga-Rekordspieler des Vereins, schenkt dem BVB Trophäen als Spieler und Sportmanager, entdeckt Weltstars wie Jürgen Klopp und Robert Lewandowski. Er ist eine Legende.

Einige Fans von Borussia Dortmund hatten genug von Michael Zorc. Viel zu lange schon hatte er nicht geliefert. Jetzt wollte er auch noch Mladen Petric loswerden und gegen den bestenfalls mittelmäßigen Ägypter Mohamed Zidan eintauschen. Zu viel vor dem Saisonauftakt der Spielzeit 2008/2009. Die Stimmung im Gästeblock beim Spiel in Leverkusen war aufgebracht. Petric hatte noch ein paar Tage vorher überhaupt nicht an einen Wechsel gedacht, er hatte Lust auf den neuen BVB unter Trainer Jürgen Klopp. Der wollte ihn nicht mehr. Er brauchte andere Spieler für seine Vision der Borussia. Zorc erfüllt ihm diesen Wunsch. Nicht alle wollte das verstehen, und andere übten sich in Fatalismus.

"Auf der Rückfahrt haben wir uns alle über Jürgen Klopp lustig gemacht. Diesen ZDF-Strahlemann. Das konnte ja nichts werden", erinnert sich Thomas Schöler, der damals tief in der Dortmunder Fanszene verwurzelt war. Zu viele Trainer hatten die Borussen kommen und gehen sehen, und große Hoffnungen wollte niemand in den neuen Trainer setzen. Das Grundgefühl der BVB-Fans, die in Jahren zuvor zu viele Unentschieden gegen Bochum, Pleiten gegen Hannover und Niederlagen in Bielefeld erlebt hatten, war eines ohne große Aussicht auf eine bessere Zukunft. Sie labten sich daran, am 12. Mai 2007 die Schalker Meisterschaft verhindert zu haben.

Die Mutter aller Dortmunder Derbysiege konnte nicht darüber hinwegtäuschen: Der BVB hatte sich zwar aus einer existenzbedrohenden Situation befreien können, doch zu viele Vereine hatten sie überholen können. Die Dortmunder hatten nur noch ihre Erinnerungen. Das gigantische Westfalenstadion war ein Mahnmal des Größenwahns der Zeit unter Dr. Gott, wie sie den ehemaligen Präsidenten Gerd Niebaum nun nannten. Ausverkauft war das Stadion selten. Als die Zeitenwende in Dortmund begann, gab es keine Euphorie, sondern nur die Aussicht auf bestenfalls ewigen Stillstand im Mittelmaß. Klopp war Zorcs letzte Chance.

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Zorc (r.) beim wichtigsten Spiel der jüngeren BVB-Vereinsgeschichte.

(Foto: imago/Horstmüller)

Das wichtigste Spiel der Geschichte

Mit letzten Chance kannte er sich aus. So war es schon als Spieler 1986 in der Relegation gegen Fortuna Köln. Das Hinspiel in Köln? 0:2 verloren! Die erste Halbzeit in Dortmund? 0:1 verloren. 0:3 stand es also insgesamt gegen die Borussia. In den nächsten 45 Minuten legte der BVB den Grundstein für die nächsten 36 Jahre. Früh wurde Ingo Anderbrügge im Strafraum der Fortuna gelegt, Zorc schnappte sich den Ball und versenkte ihn unten rechts.

"Wenn der Ball nicht reingegangen wäre, wären wir vermutlich abgestiegen und wüssten nicht, wie die Geschichte weitergegangen wäre", erinnerte sich Zorc dieser Tage. Ganz spät traf Jürgen Wegmann und rettet den BVB ins Entscheidungsspiel. Das endete 8:0 für den BVB und der ließ jetzt die frühen 1980er hinter sich. Zahlreiche Trainerwechsel, chaotische Verhältnisse auf Führungsebene im Verein und ein langsamer Zerfall hatten die ersten Profijahre Zorcs, der 1978 von TuS Eving-Lindenhorst zum großen BVB gewechselt war, bestimmt. Debüt unter Branko Zebec. Vorschusslorbeeren bei der U19-Weltmeisterschaft. Ein neuer Beckenbauer sei er, hieß es. Das war er nicht, aber er entwickelte sich zu einer Führungsfigur in schwarzgelb. Die Haare waren lang, die Zeiten trist.

Nach der erfolgreichen Relegation kam die Borussia auf die Welle. Die Euphorie spülte den Klub schon 1987 in den UEFA-Cup spülte und 1989 dann zu einem 4:1 im Pokalfinale gegen Werder Bremen. Da war Zorc mit gerade einmal 26 Jahren Kapitän und stemmte den Pokal in die Luft. Zorc begann zu träumen. Die Meisterschale nach Dortmund holen, einen Europapokal gewinnen. Das wäre was.

Acht Jahre später war es die Champions-League-Trophäe. Zorc war der BVB. Die erste Bundesliga-Meisterschaft überhaupt im Jahr 1995 unter Ottmar Hitzfeld, die Bestätigung im Jahr darauf. Zwei Jahre später trat er als Vereinsikone und Bundesliga-Rekordspieler ab. Es folgte der hastige Wechsel auf den Posten als Sportdirektor. Ganz ohne Pause. Eine Sache, die er im Nachgang bereute. Eine Auszeit hätte ihm, so sagte er, gut getan. Stattdessen begab er sich sofort nach Brasilien, um seinen ersten Transfer einzutüten: Dedé.

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BVB-Boss Watzke mit Zorc im Sommer 2005.

Rummenigge sägt an Zorcs Stuhl

Wie schon zu Beginn seiner Laufbahn als Bundesliga-Profi waren es turbulente Zeiten. Er erlebte, wie die finanzielle Lage der Borussia immer bedrohlicher wurde. Hatten sie noch Ende der 90er und nach dem Börsengang Anfang der 00er mit Geld um sich werfen können, lag der BVB nun auf der Intensivstation. Mit Michael Meier und Gerd Niebaum war das alte Regime aus der Stadt gejagt worden. Die, die blieben, wurden kritisch beäugt.

Die Lage war mehr als bedrohlich, die Rettung im März 2005 ein Wendepunkt, der Zorc beinahe seinen Job gekostet hätte. Er war Teil des Systems, das die Borussia zugrunde gerichtet hatte, musste die Kaderkosten drastisch reduzieren. Alles unter den kritischen Blicken der neuen Führung um Hans-Joachim Watzke und in einer Stadt, die ihren Klub weiterhin in der Champions League und der nationalen Spitze sah. Davon waren sie noch Anfang 2008 weit entfernt. Im Hintergrund lauerte Michael Rummenigge. Der ehemalige BVB-Profi war scharf auf Zorcs Job und machte sich große Hoffnungen, den Ur-Borussen abzulösen. Dazu kam es nicht. Aber großes Vertrauen setzte Watzke nicht in Zorc. Der erhielt nur Einjahresverträge und stand zunehmend unter Druck. Dann kam Klopp.

Nur Zorc glaubte an Lewandowski

Zum Auftakt fuhren sie nach Leverkusen und sahen die "Zorc Raus"-Plakate. Der BVB legte los. Gewann in Leverkusen und nur drei Jahre später die Meisterschaft. Zorc wurde entspannter, hatte alle Zweifel, die er selbst an seiner Arbeit hatte über Bord geworfen und entwarf den Weltklub Borussia Dortmund. "Zum Glück haben Fans nichts zu sagen" erinnert sich Schöler, der Fan, der sich an diesem Tag unterm Bayer-Kreuz über Klopp hatte lustig gemacht. Der Aufstieg des BVB begann mit kleinen Transfers. Mats Hummels kam als Talent vom FC Bayern, Neven Subotic brachte Klopp vom FSV Mainz 05 mit. Dem TSV 1860 München luchste Zorc Sven Bender ab - er kam im Tausch für den biederen Außenverteidiger Antonio Rukavina. Von den Amateuren stieß Marcel Schmelzer zum Team, von Ahlen holte er Kevin Großkreutz zurück an den Borsigplatz, in Südamerika grub er Lucas Barrios aus. Der Welttorjäger, der vom Boulevard schnell zum "Weltnixjäger" umgetauft wurde und dann doch traf. Lukasz Piszczek kam als Offensivsspieler von Absteiger Hertha BSC und wurde als Rechtsverteidiger zur Vereinsikone. Und dann war da Robert Lewandowski.

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Klopp und Zorc schauen auf ein iPad.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der war aus Polen gekommen. TSG Hoffenheim und Bayer Leverkusen hatten ihn für nicht bundesligatauglich gehalten, Dortmund sah etwas in ihm. "Die Verantwortlichen von Borussia Dortmund, besonders Zorc, haben an ihn geglaubt, sonst niemand aus der Bundesliga", sagt der langjährige Lewandowski-Berater Maik Barthel. Aus der Premier League waren die Blackburn Rovers interessiert, aber in Dortmund sah das Team um den Polen die beste Chance, den Spieler zu entwickeln. Nach einigen Wochen schlug der Boulevard wieder zu. Auf den "Weltnixjäger" Barrios folgte "Lewandoofski" und wenig später die erste Meisterschaft unter Klopp. Der Lewandowski-Transfer und der von Shinji Kagawa, der für gerade einmal 350.000 Euro aus der zweiten japanischen Liga kam, etablierten den BVB als Verein mit einem Auge für die besonderen Spieler.

"Wenn man sich etwas intensiver mit dem Spiel beschäftigt, ist es nicht so, dass Dortmund gänzlich unbekannte Spieler verpflichten würde", sagt Gab Marcotti im Gespräch mit ntv.de. Marcotti berichtet seit langer über den europäischen Fußball. Erst für "The Times" oder das "Wall Street Journal", jetzt für ESPN. "Was Dortmund unter Zorc aber gelungen ist: Sie haben nicht nur die Spieler identifiziert, das machen ja viele Klubs, sie haben die Deals über die Linie gebracht. Die Frage ist ja immer: Wie kann ich den Spieler überzeugen. Diese Seite beherrscht Zorc sehr, sehr gut. Diese Überzeugungskraft sticht heraus", sagt Marcotti.

Die Liga wird ihn vermissen

Das war Zorc. Er überzeugte die Spieler und hatte immer einen Plan. İlkay Gündoğan, Ivan Perišić, Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembélé, Jadon Sancho, Erling Haaland, Jude Bellingham. Die Einsätze wurden höher. Ein paar Fehlschläge waren dabei. Auch die Rückholaktionen der Stars Shinji Kagawa und Mario Götze war wenig erfolgreich. Andere Klubs begannen das Dortmunder Konzept der Talentveredlung zu kopieren. Der Klub kämpfte und kämpft mit seiner eigenen Vergangenheit, geriet in eine andauernde Identitätskrise, und blieb dabei jedoch sportlich bemerkenswert stabil. Während andere Vereine abstürzten, spielten sich die Dortmunder Dramen rund um den Stillstand ganz oben ab. Auch Zorc fand auf eine Schlüsselfrage keine Antwort mehr. "Der BVB ist für die Transferpolitik so gelobt worden, vielleicht zu viel, weil sie irgendwann einfach vergessen haben, dann auch den richtigen Trainer einzustellen. Das ist ihnen nach Klopp nicht mehr so richtig gelungen", sagt Marcotti über das Image der Dortmunder im Ausland.

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Der Mann, der Borussia Dortmund war.

(Foto: picture alliance/dpa)

All das wird Zorc nicht mehr stören. Der wahrscheinlich größte Borusse aller Zeiten verlässt die Bühne, die seine nie war. "Rückblickend wird jeder ehemalige Spieler seine aktive Zeit als die schönste seiner Karriere bezeichnen", erzählte Zorc im Jahr 2010 bei Spox: "Aber es ist eine lohnenswerte Aufgabe und eine Herausforderung, in verantwortlicher Position die Geschicke im sportlichen Bereich bei Borussia Dortmund mitzugestalten. Dazu brauchst du nicht unbedingt den öffentlichen Applaus." Darauf war das ganze Handeln des ehemaligen Mittelfeldmanns angelegt.

Kein Baden im Scheinwerferlicht, keine Auftritte bei den sonntäglichen TV-Stammtischen. All das brauchte er nicht. Umso größer wird der Applaus am heutigen Samstag sein, an dem er zum letzten Mal in offizieller Funktion auf dem Rasen des Westfalenstadions stehen wird. Dann, mit Abpfiff der Partie gegen Hertha BSC, wird er von der Bildfläche verschwinden und irgendwann als Denkmal vor dem Stadion wieder auftauchen. "Er hat die größte Karriere aller Borussen vorzuweisen. 44 Jahre bei seinem Verein in seiner Stadt - mehr geht nicht", sagte Watzke dieser Tage dem sid und Barthel, der Spielerberater, der einst mit ihm über Lewandowski stritt, sagt: "Es ist zweifellos ein Riesenverlust für die Bundesliga, dass Michael Zorc nicht mehr bei Borussia Dortmund arbeiten wird." Eine Bundesliga-Legende verlässt die Bühne. Nicht nur Borussia Dortmund hat ihm viel zu verdanken.

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