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(S+) Russland und die Mobilmachung: Jetzt geht der Krieg fast jede Familie an

In aller Eile ziehen Russlands Regionen die ersten Reservisten ein. Gleichzeitig verlassen Tausende das Land, andere versammeln sich zum Protest auf der Straße. Ändert sich gerade die Stimmung in Putins Reich?

Es fühlt sich wie ein Déjà-vu an. Schon kurz nach Kriegsbeginn hatten Zehntausende Russinnen und Russen das Land verlassen. Jetzt erlebt Russland eine zweite große Ausreisewelle, es sollen wieder Zehntausende sein.

Wie lange können sich Kampfunwillige den Behörden entziehen?

Wer im Land bleiben will, überlegt, welche Optionen er hat. Wäre es nicht vielleicht besser, sich bei seinem alten Kommandeur zu melden und einen Vertrag als Zeitsoldat abzuschließen, fragt sich Walerij, 30, aus dem Gebiet Nischnij Nowgorod. Dann wisse er zumindest, unter wessen Führung er kämpfe und erhalte einen guten Sold. Die Bezahlungen für die »Kontraktniki« liegen weit über den Durchschnittsgehältern. Seine Einberufung ist bereits an die Adresse seiner Mutter geschickt worden, sagt Walerij. Andere Männer wissen nicht, was sie tun sollen.

Menschenrechtsorganisationen können den Ansturm an Fragen kaum bewältigen, allein am Mittwoch erhielten sie innerhalb weniger Stunden Tausende Anrufe und Anfragen. Juristen wie Alexej Tabalow, Leiter der NGO »Schule für Rekruten«, sprechen von Panik unter den Menschen. Immer wieder muss der Jurist Müttern, Schwestern und Ehefrauen am Telefon erklären, dass ihre Männer kaum eine Chance haben, einer Einberufung zu entgehen. Zwar müssen Einberufungsbescheide den Reservisten nach dem Gesetz persönlich übergeben werden, die Männer bis dahin nicht reagieren. Doch wie lange können sie sich den Behörden entziehen?

Diese Frage treibt auch Ilja, 27, aus einer Kleinstadt im Gebiet Wladimir östlich von Moskau um. Einer seiner Verwandten arbeitet bei der Militärstaatsanwaltschaft, er habe ihm geraten, nicht ans Telefon zu gehen, keine Post zu öffnen. Doch wie lange könne das gut gehen, fragt Ilja. Er arbeitet im Bereich Medizintechnik, will seine Heimat nicht verlassen. »Wenn sie mich finden wollen, werden sie es. Sie wissen doch, wo ich arbeite. Ich kann mich nicht verstecken.«

Auch Jurist Tabalow glaubt, dass ein Katz-und-Maus-Spiel nicht lange helfen wird: »Irgendwann wird die Polizei beginnen, die Männer zu suchen«, sagt er bitter. »Man kann die Einberufung und seinen Tod hinauszögern, aber sich ihm nicht entziehen.«

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