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Olympia 2021: Fehlstart deutscher Fußballer ist hausgemachtes Problem

Es sollte die große Revanche für das verlorene Rio-Endspiel werden. Doch Deutschlands Fußballer erleben zum Olympia-Auftakt gegen Brasilien einen heftigen Fehlstart. Besonders Brasiliens überragender Richarlison offenbart die deutschen Fehler.

Nach rund einer halben Stunde war die Ernüchterung in der deutschen Mannschaft bis hinauf auf die leeren Tribünen zu spüren. Gerade wurde Richarlison, zu diesem Zeitpunkt bereits dreifacher Torschütze für Brasilien, auf dem Rasen von seinen Teamärzten behandelt.

Einige deutsche Spieler nutzten die Unterbrechung und legten scheinbar bereits erschöpft die Hände auf die Knie. Andere tranken hastig aus der Wasserflasche, ansonsten viel Schulterzucken. So hatte sich das Team von Stefan Kuntz den Start in das Fußballturnier der Olympischen Spiele nicht vorgestellt.

„Wir waren körperlich noch nicht auf der Höhe und hätten höher verlieren können“, räumte Kuntz nach dem Abpfiff ein und richtete den Blick schnell nach vorn: „Als Trainer hoffst du, dass das der berühmte Schuss vor den Bug war. Wir versuchen das schnell abzuhaken. Es geht jetzt darum, die Mannschaft aufzurichten, um in den kommenden Spielen ein anderes Gesicht zu zeigen.“ Dies wird auch dringend nötig sein.

Im Nationalstadion von Yokohama verlor Deutschland gegen die phasenweise um Klassen besseren Brasilianer völlig verdient 2:4 (0:3). Dabei wurde offensichtlich, was viele Beobachter im Vorfeld befürchtet hatten: Die Rumpftruppe, die Kuntz in Japan zur Verfügung hat, verdient ihren Namen. Auch wenn Trainer und Team vor dem Auftaktspiel immer wieder betont hatten, an ihre Qualität zu glauben. Routinier Max Kruse sprach sogar schon von der Goldmedaille.

Doch in der schwülen Abendhitze von Yokohama wurde deutlich, dass die bittere Niederlage vor allem ein hausgemachtes Problem ist. Viel war darüber diskutiert worden, dass Trainer Kuntz von einer Liste mit 100 potenziellen Tokio-Fahrern am Ende nur ganze 15 Feldspieler plus drei Torhüter geblieben waren. Der DFB hatte mit den Vereinen ausgehandelt, keine Spieler zu nominieren, die bei der Europameisterschaft im Einsatz waren. Dazu sollte kein Klub mehr als zwei Spieler für Japan abstellen.

Brasilianer bei Olympia mit gänzlich anderem Ansatz

So wurde der DFB in Brasilien von einer Mischung aus U21-Europameistern und den Routiniers Max Kruse (33, Union Berlin), Maximilian Arnold (27, VfL Wolfsburg) und Nadiem Amiri (24, Bayer Leverkusen) präsentiert. Die Brasilianer wählten dagegen einen gänzlich anderen Ansatz: Für das Team von Trainer André Soares Jardine spielen bei Olympia mit Douglas Luiz und Richarlison sogar zwei Spieler, die noch vor zwei Wochen bei der Copa America im Einsatz waren. Dazu stürmt Matheus Cunha von Hertha BSC für die Selecao, als Linksverteidiger steht Altmeister Dani Alves auf dem Rasen. Die Mission ist klar: Die Brasilianer wollen, wie 2016 in Rio, Gold gewinnen.

Brazil v Germany: Men's Football - Olympics: Day -1
Richarlison (l.) war der überragende Spieler auf Seiten der Brasilianer
Quelle: Getty Images/Toru Hanai

Gegen Deutschland wurde vor allem in der ersten halben Stunde, dass die Brasilianer deutlich mehr individuelle Qualität auf den Rasen schicken können. Bereits in der achten Minute bewies Richarlison, dass er deutlich schneller laufen kann als Deutschlands Verteidiger Amos Pieper. Den ersten Schuss konnte Torwart Florian Müller noch parieren, den zweiten Versuch schoss der Brasilianer dann aber in die Maschen.

Das erste Mal wurde es laut im leeren Stadion, in dem die über Lautsprecher eingespielten Zuschauergesänge und Pfiffe für eine merkwürdige Atmosphäre sorgten. Wirklich gejubelt haben auf der Tribüne aber nur ein paar brasilianische Reporter.

Kruse tauchte unter, Arnold flog vom Platz

Auch beim 0:2 sah Pieper schlecht aus. Nach einem Pass hinter die deutsche Abwehrreihe und der anschließenden Flanke ließ der Innenverteidiger von Arminia Bielefeld in seinem Rücken erneut Richarlison entwischen, der unbedrängt einköpfen konnte (22.). Während Brasilien sich immer wieder mit beinahe tänzelnden Schritten über den Rasen kombinierte, wirkten die Deutschen schwerfällig – auch in ihren Gedanken.

Ein deutliches Indiz: Beim dritten Tor für Brasilien stand Pieper wieder einen Meter zu weit weg von Richarlison. Der Profi des FC Everton bedankte sich und schlenzte den Ball gefühlvoll ins Tor (30.). Von mangelnder Frische war beim Torjubel nichts zu sehen. Die beste Aktion für die DFB-Auswahl hatte im ersten Durchgang Müller: Der Keeper des VfB Stuttgart parierte in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit einen Elfmeter von Cunha stark.

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Deutschlands auserkorene Führungsspieler Arnold, Kruse und Amiri tauchten dagegen unter. Während Kruse schon in der ersten Halbzeit sichtlich nach Luft rang, fiel Arnold nur durch einen Freistoß auf, der in der gegnerischen Mauer landete. Auch Amiri konnte sich kaum gegen seine Gegenspieler behaupten. Das Problem: Deutschlands Trainer fehlten die Alternativen. In der Halbzeit erlöste Kuntz den teilweise überforderten Pieper und brachte Jordan Torunarigha in der Innenverteidigung.

In der zweiten Hälfte profitierten die Kuntz-Elf schließlich davon, dass der Gegner offenbar seine Kräfte schonen wollte. Nach 55 Minuten traf Amiri zum 1:3, nachdem der Ball dem brasilianischen Torwart Santos unglücklich über die Handschuhe gerutscht war. Ein Treffer, der zu diesem Abend passte. In der Schlussphase traf der eingewechselte Ragnar Ache sogar zum 2:3 (83.), doch um das Spiel wirklich zu drehen, schien Deutschland die nötige Kraft zu fehlen.

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Dazu waren die Personalsorgen von Kuntz zu diesem Zeitpunkt noch deutlich größer geworden. Denn nach einem vermeidbaren Foul hatte Arnold die gelb-rote Karte gesehen (63.). Damit hat der deutsche Trainer im zweiten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien nur noch drei Feldspieler auf der Bank sitzen. „Jeder, der die Tabelle lesen kann weiß, dass es ein Endspiel wird“, betonte Kruse.

Die Brasilianer zeigten gegen Deutschland dagegen selbst in der vierten Minute der Nachspielzeit noch einmal, wie einfach die deutsche Abwehr auszuspielen war. Nach einem Pass in die Tiefe hatte Paulinho auf der linken Seite beinahe freie Bahn und traf zum 4:2.

Kurz darauf war der erste Auftritt von Team Deutschland bei Olympia beendet. Diesmal stemmten die deutschen Spieler die Hände teils ungläubig in die Hüften und wischten sich den Schweiß von der Stirn. Viel mehr Sorgen als das Ergebnis gegen den amtierenden Olympiasieger macht tatsächlich die beinahe leere Auswechselbank der Kuntz-Elf. Gerade in der schwülen Sommerzeit Japans könnten frische Reserven im Turnierverlauf ein wichtiger Faktor werden. Wenn man sie denn zur Verfügung hätte.

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